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Situation: Sie haben neulich bei ALDI einen billigen
mazedonischen Rotwein für die Grillfete erstanden und hatten am
nächsten Morgen so gut wie keine Kopfschmerzen? Glück gehabt. Aber
erwähnen Sie nie im Gespräch mit Geschäftsfreunden: "Also dieser
Aldi-Rotwein für 2,99 DM, der war ja sooo lecker." Man wird sie
ausstoßen, ignorieren und fürderhin keine einzige Silbe mehr mit
Ihnen wechseln.
Korrekt heißt das: "Mein Importeur hat mir neulich einen
rassigen Rotwein vom Balkan empfohlen. Ein einfacher Wein,
aber zu Kurzgebratenem gut trinkbar."
Sie sehen also, richtig formuliert, wirkt das gleich viel weniger
peinlich.
Übrigens "Weinkenner", die behaupten Rebsorte, Jahrgang, Lage,
Weingut, Haarfarbe des Kellermeistes etc. am Geschmack zu erkennen
lügen. Mehr als Rebsorte evtl. noch Region geht meist nicht. Nur
langjährig erfahrene Triebtrinker können ihre Erfahrung einbringen
und "alte Freunde" wiedererkennen.
Ebenso sind Verallgemeinerungen wie: "Frankenwein ist immer
trocken" oder "Moselwein hat mehr Säure" normalerweise völlig an den
Haaren herbeigezogen. Daran erkennt man den Blender. Solche Menschen
lassen wir gekonnt auflaufen. Das Anbaugebiet Baden ist z.B. so
vielfältig, dass hier eigentlich gar keine allgemeine Einordnung
möglich ist.
Klugscheißerinfos:
- Fällt der Begriff "Schwarzriesling" so erwähnen wir beiläufig,
dass es sich dabei um gar keinen Riesling, sondern um einen "Pinot
Meunier" bürgerlich: "Müllerrebe" handelt.
- Barriqueausbau: Weine, die im Holzfass ausgebaut werden kommen
immer mehr in Mode. Sie bekommen meist keine Prädikate etc. da sie
nicht mehr sortentypisch, gebietstypisch usw. schmecken.
- Rioja ist ein spanisches Anbaugebiet, keine Rebsorte.
- Q.b.A bedeutet "Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete". Analog
zu ausländischen Qualitätsstufen wie D.O.C.
Q.b.A ist kein
Prädikat!
Das Weinglas
Fassen Sie Weingläser immer am Stiel an. Nichts ist peinlicher,
als Fettfinger am Kelch.
Wein duftet, schmeckt und sieht nett aus, das Gehör, stimulieren
wir durch das Anstoßen. So werden unserer Ohren mit einem
glockenhellen "Ping" auf den Genuß eingestimmt. Proletenfalle:
Packt man das Glas am Kelch ertönt bei der Kollision der Gläser nur
ein plumpes "Pock".
Gläser mit kleinem Kelch sind für Weißwein, die mit großem Kelch
für Rotwein.
Über die Glasqualität kann man genausoviel debatieren wie über
die des Weines. Bleikristall ist übrigens pfui, ebenso gefärbtes
oder aufwendig geschliffenes Glas, weil die Weinfarbe dann nicht
mehr begutachtet werden kann.
Falls man Ihnen ein typisches regionales Glas, z.B. einen
Römer reicht, loben sie den erfrischend folkloristischen
Ansatz. Das zeigt, das Sie wissen, das so ein Glas Unfug ist, aber
den Wirt nicht beleidigen wollen. Solche Gläser nimmt man nur um
sich schnell und unkomplizert die Lichter auszuschießen.
Eine Sektschale weisen wir pikiert zurück, nur im hohen Sektglas
kann man die Perlage in ihrer vollen Schönheit bewundern. Man
ist ja Ästhet.
Die Bestellung
Sollten Sie in die Lage kommen den Wein ordern zu müssen befolgen
Sie die die Faustregel: Helles Fleisch: Riesling Dunkles
Fleisch: Bordeaux Die Chance damit daneben zuliegen geht gegen 0.
Auf jeden Fall wird niemand Einspruch erheben, da er/sie sonst in
Erklärungsnotstand gerät.
Riesling ist die Perle des deutschen Weines, er hat eine
angenehme Farbe, eine vielschichtiges Aroma, feinnervige
Säure, außerdem muß man danach nicht so furzen.
Bei Riesling-Bestellung erwähnen Sie: "Den ewigen "Pinot Grigio"
( "Chardonnay" falls ihr Gegenüber aus Italien kommt) kann man ja
langsam nicht mehr sehen. Vorsicht: Grauburgunder
und Ruländer sind dasselbe wie "Pinot Grigio"!
Bei Bordeaux-Bestellungen: "Die "Rioja"- ( "Barolo" falls Sie zu
einem Spanier sprechen ) Euphorie legt sich ja zum Glück langsam
wieder."
Nie einen "halbtrockenen" Wein bestellen, das ist genauso
peinlich wie "rosé", außer sie wollen betont Liberalität gegenüber
gewissen Sexualgewohnheiten signalisieren. Zum Essen trinkt man
trockenen Wein, zum Dessert süßen, Punkt. Sollte Ihr Mitesser aus
der Provence kommen ist allerdings Vorsicht mit Ressentiments
gegenüber Rosé-Weinen angebracht.
Rotling oder Schillerwein (Würtemberg) ist eine andere
Bezeichnung für einen aus Weiß- und Rotwein gemischten "Rosé".
Bestellen Sie immer einen möglichst alten Wein wenn es um Rotwein
geht (außer sie müssen zahlen). Bestellen Sie einen 2-4 Jahre
alten Wein wenn es sich um Weißwein handelt.
Bestellen Sie nie offene Weine, immer eine ganze Flasche. Wenn
das überhaupt geht, viele kleinere Weinstuben bekommen ihren
Rebensaft nämlich in Schläuchen (s.u.) geliefert ( das ist aber kein
unbedingter Qualitätsnachteil). Das Risiko bei offenen Weinen ist,
dass man schon mal einen spanischen Leberkiller als lecker Rioja
vorgesetzt bekommt.
Schnüffeln sie am Kork wenn sie wollen, aber seien sie sich der
Tatsache bewußt, dass er in den meisten Fällen nach Kork riecht ( so
isser halt) . Nur wenn er muffelig riecht ist Vorsicht geboten, ein
erster vorsichtiger Schluck bringt dann den Beweis.
Dekantieren
Das Dekantieren des Weines, also das Umfüllen in eine
Karaffe dient haupsächlich dazu, das Depot, also abgelagerte
Feststoffe vom Wein zutreffen.. Dazu legt man die Flasche vor dem
Dekantieren einige Zeit schräg, das Depot kann sich dann am
Flaschenboden sammeln. Beim Umgießen, Profis stellen dabei eine
Kerze unter den Flaschenhals stoppt man, bevor dir Brocken in die
Karaffe fließen.
Weißweine dekantiert man im allgemeinen nicht, da sie weniger
Feststoffe enthalten und Oxidation durch zuviel Sauerstoff den
Geschmack eher beeinträchtigt (in Richtung Sherry). Bei Rotweinen
ist eine leicht Oxidation dem Gerschmack oft zuträglich, bei alten
Flaschen (nicht Loddar M.) hat der Wein oft während der Lagerung
schon durch den Korken geatmet. Hier kann der "Sauerstoffschock" dem
Wein den Rest geben.
Das Etikett
Lesen Sie die Jahreszahl auf dem Etikett. Das ist nicht das
Verfallsdatum, sondern das Jahr der Ernte ( der Kenner sagt
allerdings "Lese").
Junger Bordeaux hat in etwa den Tanningehalt von
Gerberlohe. Sollte also jemand einen Wein aus dem Bordelais ordern,
der weniger als 5 jahre alt ist, bestellen Sie lieber ein Pils. Oder
beklagen Sie lautstark den hohen Gehalt an Polyphenolen.
Die deutschen Weinetikette sind sehr undurchsichtig. Keine Sau
weiß, ob sich hinter einem "Oppenheimer Nierentritt" eine Perle der
Önologie oder ein hinterhältiger Angriff auf unsere
Gesundheit verbirgt. Die Lage des Weines sagt nichts über
seine Qualität aus. Ob fürstliche Domäne im Reingau oder Bahndamm
Nordseite aus Friesland, lassen sie sich nicht blenden, wenn andere
mit Lagenbezeichnungen um sich werfen.
Was zählt sind bei deutschen Weinen die Prädikate, unter Q.b.A.
geht nix. O.b.A ist selbst allerdings noch kein Prädikat, sondern
sagt nur aus, dass der Erzeuger nachweisen kann, wo seine Trauben
gewachsen sind. Bei Tafel- und Landweinen ist originelle
Artenvielfalt in einer Flasche durchaus keine Seltenheit.
Wenn sie einmal aus einem "Bocksbeutel" einschenken müssen:
Etikett nach oben, vier Finger unter die Flasche, Daumen auf die
Flasche. Wein im Bocksbeutel ist immer Prädikatswein! Also vom
Kabinett an aufwärts.
Der Geschmack
Es ist wissenschaftlich verbürgt, dass die wichtigsten
Geschmacksinformationen über das Auge transportiert werden. Was auf
dem Etikett steht wird geglaubt. Wenn da "trocken" steht, ist der
Wein trocken, auch wenn sich Zuckerkristalle im Glas absetzen.
Praktisch jeder Wien geht als "halbtrocken" durch, außer er
greift schon das Glas an.
Wir bestellen grundsätzlich Bordeauxweine, die sind normalerweise
am Wort "Chateau" auf dem Etikett zu erkennen. Im Bordelais herrscht
ein relativ strenges Klassifizierungssystem, das dem Kenner
ermöglicht den Wein genau einzuordnen und dem Weinbauern die
Freiheit läßt zu panschen was das Zeug hält. Französische Weine
werden in der Regel mit Zucker versetzt, dass es nur so kracht. Man
nennt das dort allerdings "chaptalisieren".
Bei uns ist das Chaptalisieren nur bei Weinen ohne
Prädikat erlaubt. In eine Spätlese darf also kein Zucker rein.
Ein echter Bordeaux besteht aus ca. 3 verschiedenen Weinen, die
assembliert werden. Dadurch befinden sich soviele Aromen in
dem Stoff, dass man mit seiner Geschmackseinschätzung nie völlig
daneben liegen kann. Gut klingen immer: Cassis (schwarze
Johannisbeere), Zimt, Vanille, Zigarrenkistenholz, Kaffeebohne; aber
so ziemlich jede Geschmacksrichtung die Sie auch von der Eisbude
kennen, können sie nennen (Vorsicht mit "Straciatella").
Wenn sie nicht die Flasche gesehen haben beschweren sie sich
nicht über den korkigen Geschmack, der Wein könnte aus einem
Schlauch abgefüllt sein (PVC-Behälter mit integriertem Zapfhahn)
nichts ist peinlicher wenn der Kellner den Besserwisser korrigiert.
(schon selbst miterlebt, ehrlich).
Sprechen sie nie vom Geschmack, sondern vom Bukett oder
von den Aromen. Es gibt primäre, sekundäre, tertiäre Aromen.
Am schönsten sind die postfermentativen Aromen, also
diejenigen, die durch die Lagerung entstehen. Obacht: Wenn Sie sich
darauf beziehen sollte nicht 1998 auf dem Etikett stehen.
Riesling sollte kalt, Rotwein bei Zimmertemperatur getrunken
werden. Zimmertemperatur bedeutet nicht 22° Celsius, sondern 18° C
früher waren die Menschen nicht so verweichlicht wie wir heute.
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